Vorgehensmodell

Aus Fachkompetenzen zu E-Learning in Mecklenburg-Vorpommern

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Ein Vorgehensmodell ist – ganz allgemein – ein vereinfachtes Abbild der Gesamtheit aller aufeinander wirkenden Vorgänge bei der Entwicklung eines Systems. Es beschreibt auf abstrakte Weise, in welchem Stadium des Entwicklungsprozesses sich ein System befindet und was als nächstes zu tun ist, um für ein Problem zu einer möglichst guten Lösung zu kommen.

Die Verwendung von Vorgehensmodellen geht zurück auf das systematische Verfahren (auch systematischer Ansatz, Systems Approach oder Systems Engineering). Es wird beschrieben als »... alte wissenschaftliche Methode zur Entwicklung von Systemen«  und definiert eine Abfolge von Einzelschritten zur heuristischen Problemlösung. Das systematische Verfahren wird in verschiedenen Fachgebieten, zum Beispiel der Informatik, der Organisationsentwicklung, dem Management und seit dem Ende der fünfziger Jahre auch auf Bildungssysteme angewandt.

Dem systematischen Verfahren »liegen vier Grundgedanken zugrunde, die als kombiniert zu verwendende Komponenten betrachtet werden sollen« :

  • Vom Groben zum Detail
Dieser Grundgedanke bringt zum Ausdruck, dass sowohl das Problem als auch der Lösungsansatz zunächst weiter gefasst und dann eingeengt werden. Der Detaillierungs- und Konkretisierungsgrad von Lösungen wird schrittweise vertieft wobei Konzepte höherer Ebene quasi als Richtlinie für die Erarbeitung detaillierter Teillösungen dienen.
  • Das Prinzip der Variantenbildung
Es gibt für praktisch jedes Problem mehrere Lösungsmöglichkeiten. Das systematische Verfahren orientiert darauf, sich nicht mit der erstbesten Lösung zufrieden zu geben. Entsprechend wird auf den unterschiedlichen Detaillierungsebenen eine möglichst umfassende Betrachtung von Alternativen durchgeführt, um fundiert die jeweils beste Lösung auswählen zu können.
  • Das Prinzip der Phasengliederung als Makro-Logik

Durch Einteilung in Phasen wird ein Problemlösungsprozess in überschaubare Teiletappen mit vordefinierten Korrekturpunkten gegliedert. Dabei sind die Anzahl der Phasen und ihre Bezeichnung abhängig vom Fachgebiet und von der konkreten Problemstellung.
  • Der Problemlösungszyklus als Mikro-Logik

Der Problemlösungszyklus besteht aus den Teilschritten Zielsuche bzw. Zielkonkretisierung, Lösungssuche und Auswahl einer Lösung. Er dient als Arbeitslogik zur Lösung jeder Art von Problemen, in welcher Phase auch immer sie auftreten.

Diese vier Grundgedanken finden sich in unterschiedlicher Ausprägung in den Vorgehensmodellen verschiedener Fachgebiete wieder. Sie liegen auch dem im dritten Kapitel beschriebenen Vorgehensmodell zur Entwicklung von E-Learning-Angeboten zugrunde.


Für die Entwicklung von E-Learning-Angeboten in Hochschule, berufsbegleitender Weiterbildung und durch freie Bildungsanbieter existiert eine Vielzahl von Vorgehensmodellen mit unterschiedlicher Herkunft. Entwickler sind deshalb oft nicht in der Lage, ein geeignetes Vorgehensmodell auszuwählen und einzusetzen. Mit der PAS 1032-1:2004 bzw. der ISO/IEC 19796-1:2005 wurde erstmals ein harmonisiertes Referenzmodell für die Entwicklung von E-Learning-Angeboten vorgeschlagen. Das Rostocker Modell zur systematischen Entwicklung von E-Learning-Angeboten (ROME) orientiert sich an diesem Ansatz und ergänzt ihn.

Im Zusammenhang mit Vorgehensmodellen werden die folgenden Begriffe verwendet:

  • Entwicklungsprozess
Ein Entwicklungsprozess ist die Gesamtheit aller, miteinander in Beziehung stehender Tätigkeiten zur Lösung eines Problems. Er beginnt mit der Formulierung des Problems, beinhaltet die Betrachtung des Problemumfeldes, die Suche nach Lösungsansätzen, die Ausarbeitung eines Konzeptes für die Lösung, dessen Umsetzung, Einführung und Erprobung sowie die abschließende Überprüfung, ob das Problem gelöst werden konnte. Ein Entwicklungsprozess wird durch Vorgehensmodelle beschrieben und in Form von Entwicklungsprojekten bearbeitet.
  • Phase
Eine Phase ist Abschnitt des Entwicklungsprozesses. Sie entsteht aufgrund von inhaltlichen und zeitlichen Kriterien und beschreibt auf abstrakte Weise, welches Stadium des Entwicklungsprozesses erreicht ist. Die inhaltliche und zeitliche Gliederung von Entwicklungsprozessen durch Einteilung in Phasen ergibt sich aus einem der oben beschriebenen Grundgedanken des systematischen Verfahrens.
  • Vorgehensmodell
Ein Vorgehensmodell ist die abstrakte Beschreibung eines idealen Entwicklungsprozesses durch Spezifikation einer Folge von Einzelschritten zur Problemlösung (Vorgehensschritte). Es ist gegliedert in Phasen und enthält ein Rollenmodell, eine Methodensammlung und eine Artefaktsammlung.
  • Vorgehensschritt
Ein Vorgehensschritt beschreibt die zusammenhängend auszuführenden Aktivitäten, in deren Ergebnis Artefakte entstehen. Er nennt anwendbare Methoden und verweist auf Rollen, die die zur Ausführung der Arbeitsaufgaben erforderlichen Voraussetzungen aufweisen. Die Gliederung eines Vorgehensmodells in Vorgehensschritte fokussiert auf die Details der Vorgehensweise in einem Entwicklungsprojekt, wobei die Beschreibung eines Vorgehensschrittes eher als Empfehlung (deskriptiv) denn als Vorschrift (präskriptiv) zu interpretieren ist. So können zum Beispiel auch andere Methoden verwendet werden, solange sie gewährleisten, dass die Aktivitäten ausgeführt und die Artefakte erzeugt werden.
  • Aktivität
Eine Aktivität ist die Beschreibung von Arbeitsschritten zur Erzeugung oder Veränderung von Artefakten. Sie bezieht sich inhaltlich auf einen konkreten Vorgehensschritt des Vorgehensmodells.
  • Artefaktsammlung
Eine Artefaktsammlung fasst alle Artefakte zusammen, die in allen Vorgehensschritten eines Vorgehensmodells entstehen, ergänzt bzw. verändert werden. Einzelne Artefakte der Artefaktsammlung entstehen und werden danach nicht mehr verändert. Sie dienen lediglich als Ausgangspunkt für spätere Vorgehensschritte. Andere Artefakte werden in einem frühen Vorgehensschritt nur teilweise erzeugt und in späteren Vorgehensschritten ergänzt bzw. sie werden in einem frühen Vorgehensschritt erzeugt und in späteren Vorgehensschritt verändert (versioniert).
  • Artefakt
Ein Artefakt ist die strukturierte Beschreibung der nach der Ausführung von Aktivitäten in einem Vorgehensschritt zu dokumentierenden Ergebnisse oder Entscheidungen. Bei Artefakten kann es sich um Dokumente, Grafiken, Code, Medien oder sonstige Objekte handeln. Sie enthalten einen Satz typischer Informationen, die bei Ausführung der Aktivitäten in einem Vorgehensschritt normalerweise anfallen und zu dokumentieren sind.
  • Methodensammlung
Eine Methodensammlung erfasst alle Methoden, deren Kenntnis bzw. Anwendung zur Durchführung der Aktivitäten in allen Vorgehensschritten eines Vorgehensmodells erforderlich ist. In den verschiedenen Fachgebieten ist eine Vielzahl von Methoden detailliert beschrieben. Ihre nochmalige ausführliche Beschreibung in der Methodensammlung wird in den meisten Fällen nicht nötig sein. Es ist aber mindestens erforderlich, einzelne oder Kategorien geeigneter Methoden einschließlich Literaturhinweisen anzugeben, um die Anwender des Vorgehensmodells bei der Ausführung von Aktivitäten zu unterstützen oder diese überhaupt erst zu ermöglichen.
  • Methode
Eine Methode beschreibt die Art und Weise der Durchführung von Aktivitäten. Sie ist inhaltsneutral und unabhängig von einzelnen Vorgehensschritten und dem Vorgehensmodell. Methoden einer Methodensammlung können sowohl detailliert beschrieben als auch durch einen Bezeichner einschließlich entsprechender Literaturhinweise gegeben sein. Es ist weiterhin möglich, lediglich Kategorien von Methoden einschließlich Beispielen für Vertreter der Kategorie zu nennen.
  • Rollenmodell
Ein Rollenmodell beschreibt die Rollen, die bei der Durchführung aller Aktivitäten in allen Vorgehensschritten eines Vorgehensmodells zum Einsatz kommen. Bei Verwendung eines Vorgehensmodells in einem konkreten Projekt können einer Person entsprechend ihrem Wissen und Können ein oder mehrere Rollen zugewiesen werden. Weiterhin kann eine Rolle durch mehrere Personen ausgefüllt werden, wenn eine Person allein nicht über die erforderlichen Voraussetzungen verfügt oder das in der verfügbaren Zeit zu bewältigende Aufgabenspektrum zu groß ist.
  • Rolle
Eine Rolle beschreibt die Voraussetzungen (Kenntnisse, Fähigkeiten, Fertigkeiten, Erfahrungen), die zur Ausführung von Aktivitäten erforderlich sind und definiert die Aufgaben (Tätigkeitsbereiche, Verantwortlichkeiten) im Entwicklungsprojekt unabhängig von einzelnen Vorgehensschritten. Die Spezifikation von Rollen ermöglicht die transparente Gestaltung der Verantwortlichkeiten in einzelnen Projekten sowie die Unabhängigkeit des Vorgehensmodells von organisatorischen oder projektspezifischen Rahmenbedingungen.


Der Zusammenhang zwischen den einzelnen Teilen des Vorgehensmodells ist aus der Abbildung ersichtlich: Jedes Vorgehensmodell enthält ein Rollenmodell, eine Methodensammlung, eine Artefaktsammlung und eine Anzahl von Vorgehensschritten. Das Rollenmodell spezifiziert eine Anzahl von Rollen, die Methodensammlung eine Anzahl von Methoden und die Artefaktsammlung eine Anzahl von Artefakten. Jeder Vorgehensschritt spezifiziert eine Anzahl von Aktivitäten und enthält Versweise auf ein oder mehrere Rollen, ein oder mehrere Methoden sowie ein oder mehrere Artefakte.


[bearbeiten] Ansprechpartner

  • Dr. Sybille Hambach (Fraunhofer IGD Rostock)
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